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  • Wenn man den Wald vor lauter geheimnisvollen Bäumen nicht mehr sieht – ein Kommentar zur medialen Rezeption eines Bestsellers

    16-06-17 10:24 Uhr

    Offener Brief an die Redaktionen der großen deutschen Tageszeitungen und der Rundfunk- und Fernsehanstalten

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vor dem Hintergrund des erfreulicherweise großen Interesses der Bevölkerung am Wald setzen sich aktuell viele journalistische Artikel, Bild- und Wortbeiträge mit diesem Thema auseinander. Leider kommt es hierbei in wiederholtem Maße zu sehr verzerrten Darstellungen, die ihre Ursache nicht zuletzt darin haben, dass das Buch „Das geheime Leben der Bäume“ als Informationsquelle Verwendung findet oder sein Verfasser, Peter Wohlleben, als Experte befragt wird.

    Es ist sehr erfreulich, dass sich ein Massenpublikum von einem Buch zum Thema Wald begeistern lässt. In dem Buch werden viele interessante Zusammenhänge in einer für den Laien sehr zugänglichen Sprache und in einfachen Bildern dargestellt. Leider wird in besagtem Werk nicht nur zum Zwecke der Kommunikation vereinfacht. Es wird auch ein sehr unwirkliches Bild des Ökosystems Wald vermittelt, denn viele der von Herrn Wohlleben getroffenen Aussagen stellen ein Konglomerat von Halbwahrheiten, eigenen Bewertungen selektiv ausgewählter Quellen und Mutmaßungen dar. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Buch nicht weitläufig als ein populärwissenschaftliches Werk angesehen würde. Letzteres ist leider nicht der Fall und so mag das Buch zwar populär sein, wissenschaftlich ist es nicht. Im Gegenteil: Es vermittelt ein stark verzerrtes Bild der Biologie von Bäumen, der Waldökologie und der Forstwirtschaft.

    In unserer Disziplin geht es im Wesentlichen darum, eine Evidenzbasis für die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Wälder zu entwickeln. Aus diesem Grund müssen wir uns zwangsläufig (und mehr als uns lieb ist) mit den Aussagen des Buchs von Peter Wohlleben befassen. Dieser fachliche Zugang ist jedoch nur ein Aspekt, der uns im Hinblick auf die mediale Aufbereitung des Buchs und seines Autors beschäftigt. So wirft dieser Fall aus unserer Sicht grundlegende Fragen nach der Verantwortung des Journalismus im Zeitalter der Informationsüberfrachtung auf. Wie kommt es dazu, dass so viele Journalistinnen und Journalisten die Darstellungen eines selbsternannten Experten nicht stärker hinterfragen, sondern ihm in nahezu allen Medien ein Forum bieten, sich als solcher zu präsentieren? Zum Thema Wald sind die Vorkenntnisse vieler Menschen offenbar so gering und die Botschaften anscheinend so attraktiv, dass unentdeckt bleibt, in welchem Umfang Mutmaßungen als Fakten verkauft werden. Angesichts der Fachspezifika kann man dies Journalisten nicht zum Vorwurf machen, aber man kann erwarten, dass sie sich insbesondere bei Inhalten, die ungewöhnlich klingen, rückversichern. Eine wirklich kritische Überprüfung attraktiv erscheinender Information findet aber offenbar nicht ausreichend statt.

    Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die die Auffassung vertreten, dass viele Menschen die heutige Flut von Informationen nicht mehr bewältigen können und angesichts ihrer Fülle, Komplexität und Widersprüchlichkeit zu einer gewissenhaften Prüfung nicht mehr in der Lage sind. Damit steigt die Verantwortung von Experten: Von ihnen sollte man erwarten können, dass sie in einem bestimmten Bereich die verfügbaren Informationen überblicken. Es steigt aber auch das Risiko, wenn Personen als Experten befragt werden, die nicht den Stand des Wissens widergeben, sondern persönliche Einschätzungen als wissenschaftliche Erkenntnis darstellen und ihnen Wahrheitscharakter verleihen. Daher haben auch jene Personen, die als Multiplikatoren für Expertenwissen dienen, eine besondere
    Verantwortung. In den vergangenen Wochen wurde mehrfach und zurecht an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler appelliert, sich wieder vermehrt in gesellschaftliche Debatten einzumischen. Wir sehen darin eine Bringschuld der Wissenschaftler, gleichzeitig aber auch eine Holschuld derer, die gesellschaftliche Debatten anstoßen, darüber berichten und sie bewerten.
    Im konkreten Fall stehen mehr als 4.500 Unterschriften aus 24 Ländern hinter einer Online-Petition, die Journalisten und Medienvertreter anhand des Buchs „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben daran erinnern möchte, der kritischen Prüfung fachlicher Inhalte wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

    Ursprünglich hatten wir geplant, vor allem Unterschriften von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu sammeln und deutlich zu machen, dass viele der im Text und diversen Fernsehauftritten sowie Radiosendungen getroffenen Aussagen durch wissenschaftliche Ergebnisse nicht gedeckt sind. Es hat sich dann aber rasch gezeigt, dass auch viele andere Menschen die mediale Aufmerksamkeit des Buches und die sich daraus ergebenden Konsequenzen sehr kritisch sehen. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner appellieren daher an Journalisten und Medienvertreter, auch bei naturwissenschaftlichen Themen solide Recherchen zu betreiben und journalistische Standards wie die Überprüfung von Informationen anhand unabhängiger Quellen einzuhalten.

  • Die Petition ist bereit zur Übergabe - Offener Brief zur Petition "Auch im Wald: Fakten statt Märchen"

    14-06-17 08:54 Uhr

    Dokument anzeigen

    Sehr geehrte UnterstützerInnen unserer Petition,
    nunächst möchten wir uns bei Ihnen für die unerwartet hohe Beteiligung an der Petition "Auch im Wald: Fakten statt Märchen - Wissenschaft statt Wohlleben" bedanken. Wir konnten mit Ihrer Unterstützung unser Anliegen viel deutlicher machen, als es sonst möglich gewesen wäre. Wie Sie wissen, richtete sich unsere Petition von Anfang an vor allem an die Vertreter der Medien. Wir haben mit Fachleuten länger darüber beraten, wie wir diese erreichen könnten und haben uns letztlich für den im Anhang befindlichen offenen Brief entschieden, den wir über die Presseabteilung der Universität Göttingen verteilt haben und von dem wir hoffen, dass er Verbreitung und die richtigen Adressaten findet. Bei dieser Gelegenheit dürfen wir Sie auf ein vor Kurzem erschienenes Buch eines jungen Biologen hinweisen, das sich kritisch mit den Mutmaßungen von Herrn Wohlleben auseinandersetzt (Torsten Halbe: Das wahre Leben der Bäume - ein Buch gegen eingebildeten Umweltschutz). Nähere Angaben dazu finden Sie am Ende des angehängten Briefes.
    Mit nochmaligem Dank für Ihre Unterstützung verbleiben wir mit freundlichen Grüßen
    Christian Ammer und Jürgen Bauhus

  • Petition in Zeichnung - Zum besseren Verständnis zwei Beispiele

    09-02-17 09:51 Uhr

    Nachfolgend zwei einfache Beispiele, die zeigen, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einer bestimmten Frage vom Autor des Buches entweder nicht recherchiert, nicht verstanden, oder aber ignoriert worden sind.

    1. Beispiel – Konkurrenzbeziehungen zwischen Bäumen

    Aussage Wohlleben: S.21/22: „Exemplare, die verschiedenen Spezies angehören … kämpfen wirklich gegeneinander um die lokalen Ressourcen. Bei Bäumen derselben Art ist die Lage anders.“  „Ein Wald hat offenbar kein Interesse daran, schwächere Mitglieder zu verlieren.“ „… Zu dicht können Buchen dabei gar nicht wachsen, im Gegenteil. Gruppenkuscheln ist erwünscht, und oft stehen die Stämme weniger als einen Meter auseinander.“  

    Wissenschaftliche Perspektive: Seit beinahe hundert Jahren (Reineke 1933) ist bekannt, dass mit dem Wachstum der Bäume ihr Standraumanspruch zunimmt und sich der Waldbestand einer von Standort, Baumart und der Entwicklungsphase abhängigen maximalen Dichte annähert. Dabei kommt es zu innerartlichen Konkurrenzeffekten, die sich in einer charakteristischen Stammzahlabnahme mit zunehmender Größe der verbleibenden Individuen äußern (self-thinning; Yoda et al. 1963). Sprich, wenn eine Fläche voll bestockt ist, können Bäume nur weiter wachsen, indem sie ihre Nachbarn zum Absterben bringen und so ihren Standraum vergrößern (Westoby 1984). Im Ergebnis resultiert dies in einem drastischen Absterbeprozess und dem Tod vieler tausend Bäumchen durch die überschirmenden Bäume. Davon sind vor allem kleine Bäume betroffen (Holzwarth et al. 2013). Folglich profitieren Bäume nicht von einem Dichtstand, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass sie absterben, ist erhöht.

    Literatur:
    Holzwarth, F; Kahl, A; Bauhus, J; Wirth, C (2013): Many ways to die – partitioning tree mortality dynamics in a near-natural mixed deciduous forest. Journal of Ecology 101: 220–230.
    Reineke, L.H. (1933) Perfecting a stand-density index for even-aged forest. Journal of Agricultural Research 46: 627-638;  
    Pretzsch, H. (2006): Species-specific allometric scaling under self-thinning: evidence from long-term plots in forest stands. Oecologia 146: 572–583.
    Pretzsch, H., Biber, P. (2005): A re-evaluation of Reineke's rule and stand density index. Forest Science 51: 304–320.
    Westoby, M. (1984). The self-thinning rule. Advances in ecological research, 14, 167-225.
    Yoda, K., Kira, T., Ogawa H., Hozumi, H. (1963): Self-thinning in overcrowded pure stands under cultivated and natural conditions. Journal of the Institute of Polytechnics, Osaka City University, Series D, 14: 107-129.

    2. Beispiel – Einfluss der Holznutzung auf Bodenkohlenstoff

    Aussage Wohlleben: S. 88: „Für jeden Scheit, den Sie im heimischen Ofen verbrennen, wird draußen aus den Waldböden noch einmal die gleiche Menge an CO2 freigesetzt. Der Kohlenstoffspeicher unter den Bäumen wird in unseren Breiten also schon im Entstehen geleert.“

    Wissenschaftliche Perspektive: Der Boden stellt weltweit einen der größten C-Speicher dar. Durch Landnutzungsänderungen (z.B. Umwandlung von Wald in Ackerland, Primärwald in Plantagen) und intensive Bewirtschaftungsformen (z.B. Bodenbearbeitung wie Pflügen, Düngen, Abziehen der Humusschicht, Drainage, großflächiger Kahlschlag, gezieltes Abbrennen der Strauchschicht und Bodenvegetation) wird dieser Speicher gravierend reduziert (IPCC 2000). Im Gegensatz dazu konnten bei einer moderaten, nachhaltigen Waldbewirtschaftung ohne Bodenbearbeitung bislang keine messbaren oder anhaltenden Effekte auf die Vorräte an Bodenkohlenstoff (organische Auflage plus Mineralboden) nachgewiesen werden (z.B. Mund 2004, Jandl et al. 2007, Kahl et al. 2012, Grüneberg et al. 2013, Schöning et al. 2013a, 2013b, Wäldchen et al. 2013). Jüngste Studien kommen im Gegenteil zum Ergebnis, dass Waldböden in Deutschland gegenwärtig durchschnittlich ca. 400 kg Kohlenstoff je ha und Jahr speichern (bis 30 cm Bodentiefe) (Grüneberg et al. 2014), trotz Nutzung unserer Wälder. Nach Aussage von Wohlleben müsste der Kohlenstoffvorrat der Böden durch die Holznutzung jährlich um mehrere Tonnen je Jahr und Hektar abnehmen. Dort wo Holz im Wald verbleibt und langsam als Totholz zersetzt wird, kann u. U. der Bodenkohlenstoff ansteigen, aber es gibt auch Studien, die keinen Anstieg des Bodenkohlenstoffs unter Totholz verzeichnen konnten (Kahl et al. 2012).

    Literatur:
    Grüneberg, E.; Schöning, I.; Hessenmöller, D.; Schulze, E.-D.; Weisser, W. W. (2013): Organic layer and clay content control soil organic carbon stocks in density fractions of differently managed German beech forests. Forest Ecology and Management 303: 1–10.
    Grüneberg E, Ziche D, Wellbrock N (2014) Organic carbon stocks and sequestration rates of forest soils in Germany. Global Change Biology 20: 2644-2662
    IPCC (Intergovernmental panel on climate change) (2000): Land use, land-use change, and forestry. Special report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. [Watson, R. T.; Noble, I. R.; Bolin, B.; Ravindranath, N. H.; Verardo, D. J.; Dokken, D. J. (Hrsg.)]. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA.
    Jandl, R.; Lindner, M.; Vesterdal L.; Bauwens, B.; Baritz, R.; Hagedorn, F.; Johnson,D. W.; Minkinnen, K.; Byrne, K. A. (2007): How strongly can forest management influence soil carbon sequestration? Geoderma 137: 253–268.
    Kahl, T.; Mund, M.; Bauhus, J.; Sschulze, E.-D. (2012): Dissolved organic carbon from European beech logs: Patterns of input to and retention by surface soil. Ecoscience 19:  1–10.
    Kutsch, W. L.; Persson, T.; Schrumpf, M.; Moyano, F. E.; Mund, M.; Andersson, S.; Schulze, E.-D. (2010): Heterotrophic soil respiration and soil carbon dynamics in the deciduous Hainich forest obtained by three approaches. Biogeochemistry 100:  167–183.
    Mund, M. (2004): Carbon pools of European beech forests (Fagus sylvatica) under different silvicultural management. Berichte des Forschungszentrums Waldökosysteme, Reihe A, Band 189, Forschungszentrum Waldökosysteme der Universität Göttingen, Göttingen.
    Schöning, I.; Grüneberg, E.; Sierra, C. A.; Hessenmöller, D.; Sschrumpf, M.; Weisser, W. W.; Schulze, E.-D. (2013a): Causes of variation in mineral soil C content and turnover in differently managed beech dominated forests. Plant and Soil 370: 625–639.
    Schöning, I.; Trumbore, S.; Solly, E.; Muhr, J.; Schrumpf, M. (2013b): Age of respired carbon in differently managed grassland and forest soils. Geophysical Research Abstracts 15: 12306.
    Schrumpf, M.; Kaiser, K.; Schulze, E.-D.; Balcazar, J. L. (2014): Soil organic carbon and total nitrogen gains in an old growth deciduous forest in Germany. PLoS ONE 9. e89364.
    Tefs, C.; Gleixner, G. (2012): Importance of root derived carbon for soil organic matter storage in a temperate old-growth beech forest – Evidence from C, N and 14C content. Forest Ecology and Management 263: 131–137
    Wäldchen, J.; Schulze, E.-D.; Schöning, I.; Schrumpf, M.; Sierra, C. (2013): The influence of changes in forest management over the past 200 years on present soil organic carbon stocks. Forest Ecology and Management 289: 243–254.