Straßenmusiker sollen in Stationen der Wiener U-Bahn ab Juli im Auftrag der Wiener Linien auftreten, um die gefühlte Sicherheit der Fahrgäste zu erhöhen. So wird es ganz offiziell kommuniziert, es geht nicht um eine Form von Kulturförderung, sondern um eine Maßnahme zur Hebung von Wohlbe- und Sicherheitsempfinden der Kundinnen und Kunden der Wiener Linien. Soweit eine gute Sache, in vielen anderen europäischen Städten ist Livemusik in U-Bahnhöfen ganz selbstverständlich, während dies in Wien bislang eine rechtliche Grauzone war.

Die genauen Konditionen sind hingegen gar keine gute Sache: in einem Casting sollen "die besten" ("..denn bei uns dürfen nur die Besten spielen...") Kandidatinnen und Kandidaten ermittelt werden, die dann für die Wiener Linien in definierten Zeitfenstern auftreten dürfen. Sie erhalten dafür ein Honorar von EUR 0,- (null). Als ob es nicht unverschämt genug wäre, wenn ein Unternehmen eine Dienstleistung zum Nulltarif einfordert, sollen die glücklichen "Gewinner" den Wiener Linien aber auch noch die Rechte an Name, Gesicht und Musik zur weiteren Verwendung überlassen, ebenfalls kostenlos. Die Wiener Linien erhalten also zusätzlich zur kostenlosen eigentlichen Dienstleistung auch den Werbewert - ohne jede Gegenleistung. Es wirkt wie eine Verhöhnung, dass erfolgreiche Bewerberinnen und Bewerber zudem eine "Bearbeitungsgebühr" von symbolischen EUR 10,- zu entrichten haben. Weiters ist den Teilnahmebedingungen zu entnehmen, dass weder für die Unversehrtheit der Musikerinnen und Musiker, noch für deren Instrumente und Equipment Haftung übernommen wird. Mit dem Akzeptieren der AGB wird bestätigt, dass "keine Verwertungsrechte Dritter verletzt werden" – Stichwort AKM. Zu guter Letzt stellen die Wiener Linien nichteinmal Strom zur Verfügung. (Alles hier nachzulesen: www.wienerlinien.at/media/files/2017/agbcastingformular_212121.pdf ) Den teilnehmenden Musikerinnen und Musikern ist es laut Teilnahmebedingungen gestattet, während ihrer Auftritte freiwillige Spenden zu sammeln, die sie dann auch tatsächlich behalten dürfen. Man darf also einen Hut auf den Boden stellen und hoffen, dass Passanten auf dem Weg zur U-Bahn ihr Kleingeld loswerden wollen...

Diese Bedingungen sind einerseits schlichtweg inakzeptabel, andererseits aber auch eine dreiste Verhöhnung der Musikerinnen und Musiker dieser Stadt. Ich fordere Frau Sima auf, sich klar von diesem ausbeuterischen Konzept zu distanzieren und umgehend für faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Ebenso fordere ich den Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny zu einer Stellungnahme auf – diese Angelegenheit berührt unzweifelhaft sein Ressort.

Begründung

Freiberufler tragen generell ein hohes wirtschaftliches Risiko. Ihre berufliche Ausbildung ist lang, aufwendig und mitunter mit hohen Kosten verbunden. Sie finanzieren ihr Arbeitsgerät selbst und müssen auch für dessen Erhalt und Ausbau selber aufkommen. Gegen Verdienstentgang durch Krankheit o.ä. können sie sich kaum absichern.

Für professionelle Musikerinnen und Musiker gilt alles genannte in gesteigertem Ausmaß. Es ist besondere Begabung nötig, um eine solche Laufbahn überhaupt einschlagen zu können. Dennoch dauert die Ausbildung eher Jahrzehnte als Jahre und ist entsprechend kostspielig. Die Investitionen in Instrumente und Equipment bewegen sich im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Extremes Lohndumping und Zahlungsausfälle liegen an der Tagesordnung. Menschen wollen zwar permanent durch Musik unterhalten und durchs Leben begleitet werden, sind aber immer weniger dazu bereit, dies auch zu honorieren. Musikschaffende werden mit den absurdesten Begründungsversuchen konfrontiert, warum sie für ihre Arbeit nicht normal bezahlt werden sollten – müssen ihre eigenen Rechnungen aber trotzdem fristgerecht begleichen, wie jedermann und jederfrau.

In anderen freien Berufen wäre soetwas undenkbar, wer würde je auf die Idee kommen, Ärzte, Anwälte, Steuerberater, Architekten gegen "freiwillige Spende" und "vielleicht ergibt sich daraus ja in Zukunft bezahlte Arbeit" beschäftigen zu wollen? Ein lächerlicher Gedanke, nicht wahr? Musikschaffende müssen für ihre Arbeit bezahlt werden, wie alle anderen Berufsgruppen auch.

Mit dieser Petition möchte ich ein Zeichen setzen: für Gerechtigkeit, für Respekt, für die Anerkennung eines realen Problems. Ich hoffe, damit nicht nur Musikerinnen und Musiker zu erreichen, sondern Menschen, die Musik lieben und den Zusammenhang zwischen Musikschaffenden und Musik verstehen.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Alex K. Yoshii aus Wien
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Neuigkeiten

  • Liebe Unterstützende,
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    Wir bedanken uns herzlich für Ihr Engagement und die Unterstützung,
    Ihr openPetition-Team

  • Die Petition wurde inzwischen 2800 Mal unterschrieben, vielen Dank dafür!

    Nach dem gemeinsamen Gespräch haben die Wiener Linien wie angekündigt ihre Teilnahmebedingungen für die "U-Bahn-Stars" überarbeitet, was ich als sehr positiven ersten Schritt empfunden habe. Leider wurde die neue Version aber nicht als Gesprächsgrundlage verwendet, sondern gleich als endgültiges Produkt veröffentlicht. Das ist natürlich keine gute Basis für weitere Diskussionen.

    Trotz einiger Detailverbesserungen bleiben wesentliche Kritikpunkte unverändert; neben der Grundproblematik von Engagements ohne Gegenleistung ist vor allem die Haftungsfrage ein entscheidender Faktor. Die teilnehmenden Musikerinnen und Musiker tragen das volle Risiko für sich und ihre Instrumente, die Wiener Linien schließen jegliche Haftung aus. Schon deshalb scheint die Teilnahme an der Aktion nach wie vor wenig empfehlenswert.

    Wir verfolgen das Thema weiter und halten Euch auf dem Laufenden!

  • Freddy Brix, Andreas Thalhammer, Gernot Uhrsprung und Manuel Christoph Pache mit einem galgenhumorigen Beitrag zum Thema.

Pro

Es ist ja zu begrüßen dass zusätzliche Plätze für Straßenmusiker zu Verfügung gestellt werden, aber wenn das als Wettbewerb aufgezogen wird, sollte es zumindest ein Preisgeld für die ausgewählten Formationen geben. Ohne irgendeinen besonderen Anreiz würde sich das auch auf die Qualität der möglichen Mitwirkenden auswirken, denn welcher gute Musiker ist schon froh dass er sich bewerben darf um dann gratis irgendwo zu spielen ? Deshalb Preisgeld und/ Promotion der ausgewählten Künstler im VOR Magazin oder anderen Medien,.

Contra

Man könnte natürlich als Gegenargument bringen, dass Busking eine eigene Kulturform ist, die traditionell Einnahmen über Spenden erzielt und Platzmiete o.ä. als Ausgaben hat. Dann wäre an dieser Kampagne vor allem die Werbeform denkbar schlecht gewählt weil sie sich scheinbar an alle Musiker wendet. Dann wäre (wie so oft in der Kulturkritik) diese Petition recht kurzsichtig und am Kern des Problems meilenweit vorbei gedacht. Dazu muss man die Bettelmentalität nicht gut finden, aber das Problem steckt weniger in der mangelhaften Kulturförderung, vielmehr im mangelhaften Schulterschluss.